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Reflexion

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von Claus-Georg Nolte

Über dieses Blog

In diesem Blog möchte ich die aktuelle Politik kritisch unter die Lupe nehmen, auch die der eigenen Genossen.
Soll heißen ich werfe politische Themen mit einer Handvoll Witz, einer Prise Ironie und jede Menge Zynismus in einen Topf, rühre mit dem Löffel um und habe einen neuen Blog-Eintrag.

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von Claus-Georg Nolte | 23.03.2008 | 15:36 Uhr

Fußabstimmung

Die Säulen unserer Gesellschaft laufen davon!

Klingt komisch - ist aber so. Deutschland hat hingegen vieler anderslautender Stammtischparolen kein Einwanderer-, sondern viel eher ein Auswanderer-Problem. Die Privatsender machen es vor: "Goodbye Deutschland" titelt Vox und berichtet über Auswanderer in ein fremdes Land und in ein neues Leben. Diesem Trend stehen natürlich Kabel1 ("Umzug in ein neues Leben!"), Pro7 ("Die Auswanderer") und RTL ("Deutschland ade") in nichts nach. Was das Ganze so prekär macht, ist aber die Tatsache, dass es sich nicht um ein mediengelenktes Falschbild handelt. Deutschland blutet wirklich aus!


Alle vier Minuten verlässt ein Deutscher sein Land!*1

Dieses Ausmaß an Bevölkerungsflucht gab es zuletzt vor rund 120 Jahren, allerdings war es seiner Zeit (man verzeihe mir diesen Ausdruck) der Bodensatz der Bevölkerung, der sein Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Schusswaffen suchte; die Unterschicht, die angesichts der Armut und Perspektivenlosigkeit den Heilsversprechen einer neuen Welt folgte.

Heute sieht die Angelegenheit ganz anders aus: Wer heute aus unserem Land auswandert ist im Schnitt 32 Jahre alt*2, hat studiert oder eine erfolgsversprechende Ausbildung genossen und macht sich nun auf den Weg in Länder, in welchen seine Arbeit deutlich besser honoriert wird. Junge Ärzte zieht es nach Großbritannien, qualifizierte Handwerker entschließen sich in Zukunft in Australien deutlich weniger Steuern zu zahlen, Ingenieure zieht es in das Land des Lächelns und unsere Forschereliten in das Land der unbegrenzten (Forschungs-)Möglichkeiten.


Kein Staat dieser Welt verliert mehr Akademiker pro Jahr!*3

Aus keinem Land dieser Welt flüchten mehr Akademiker, als aus Deutschland. Die Träger unseres Sozialstaates, die Säulen unserer Sozialsysteme machen sich die Globalisierung zu Nutze und gehen einfach! Sie gründen keinen Interessenverein, keine Protestpartei und keine Lobby, sie verlassen einfach das Land. So sind bisher 16 000 Ärzte still und heimlich ausgewandert*4 und jeder fünfte Deutsche möchte ihrem Beispiel folgen!*5 Ein stiller Protest, quasi ein Votum gegen unsere Politik, ausgeführt mit den Füßen. Die Entwicklung ist vergleichbar mit einem schlecht wirtschaftenden Unternehmen, dem die Aktionäre die kalte Schulter zeigen. Kontrollmechanismen des Finanzmarktes, angewandt auf einen Staat.

Es ist ist ein stiller Prozess, der (noch) keine Titelblätter in der Presse erzeugt, sondern allenfalls mancher Orts für ein Nachwort taugt. Dabei ist diese Welle der Auswanderung unserer Mittelschicht der soziale Suizid für unser Deutschland, dessen Sozialsysteme darauf beruhen von einer starken, gut verdienen Mittelschicht getragen zu werden. Aber grade letzeres ist nicht mehr gegeben. Die Medien beten es rauf und runter: "Der Aufschwung kommt nicht bei den Menschen an", "Es ist in Deutschland leichter aus der Mittelschicht abzurutschen als aufzusteigen" und so weiter. Es ist nachvollziehbar, dass mancher da lieber die Koffer packt, sein Humankapital außer Landes bringt und auf den schönen Satz "Eigentum verpflichtet!" pfeift.


Ein Leserbrief aus der Ausgabe 3/2008 des Cicero bringt die Ansicht vieler vielleicht auf den Punkt, es berichtet ein Vater über seinen auswandernden Sohn:

"Er hat keine Lust mehr auf staatliche Bevormundung, Gleichmacherei und weitere Entrechtung im Namen der Sicherheit, er hat keine Lust darauf, Menschen das Leben mitzufinanzieren, die in ihrem Leben noch keinen Beitrag für diese Gesellschaft und diesen Staat geleistet haben, dies auch in Zukunft nicht beabsichtigen und das System zu ihren Gunsten und mithilfe der Wohlstandsverteiler schamlos ausnutzen."

Eine radikale, aber in den Augen des Vaters, sicherlich wahre Aussage. Diese Menschen bemühen sich nicht mehr Politik zu machen, sie nehmen ihre medien-propagierte Chancenlosigkeit als gegeben hin und ziehen ihre Konsequenzen, in dem sie sich in ihrer Meinung radikalisieren und/oder einfach gehen.

In beiden Fällen bleibt mir da nur noch ein "Goodbye Deutschland"!


*1, *2, *4 Cicero 2/2008, Wolfram Weimer "Wir sind dann mal fort" (S.: 130)
*3 OECD
*5 Allensbach-Umfrage

Mehr zum Thema: www.lonely-wolf.info/index.php?/archives/79-Fussabstimmung.html

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