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Progressive Politik

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von Daniel Florian | 27.04.2008 | 20:40 Uhr

Der neue Klassenkampf

Ein kleiner Funke – die außerplanmäßige Rentenerhöhung um 1,1 Prozent – hat den "Generationenkonflikt" in Deutschland neu entfacht. Rentner, so das Argument der Erhöhungs-Befürworter, haben durch die gestiegenen Lebenshaltungskosten reale Einkommenserverluste hinnehmen müssen und müssten dafür mit einer außerplanmäßigen Rentenerhöhung entschädigt werden. Sonst drohe eine breite Altersarmut.

Emotional warnte der "Bericht aus Berlin":

"Spaziergang statt Urlaub. Seitdem das Ehepaar Bromberger aus Braunschweig Rente bezieht, sind die beiden genügsam geworden. Es geht ihnen verhältnismäßig gut, sagen sie. Doch einschränken müssen auch sie sich. Vor ein paar Jahren sind sie in eine deutlich kleinere Mietswohnung gezogen. 60 Quadratmeter. Der Kaffee schmeckt noch, auch wenn es immer öfter ein Sonderangebot sein muss. Einkaufen geht nur noch mit Blick auf die Schnäppchen. Die richtig guten Zeiten sind lange vorbei. Und die Rentenentwicklung der vergangenen Jahre ist erst recht kein Trost."

Ein Einzelschicksal oder Massenphänomen? Überhaupt: was ist schlimm daran, wenn Rentner, nachdem die Kinder aus dem Haus gezogen sind, wieder in eine kleinere Wohnung ziehen? Oder daran, Kaffee im Sonderangebot zu kaufen? Für viele Familien – ich komme aus einem Sieben-Personen-Haushalt – ist das völlig normal.

Auch statistisch ist eine übermäßige Altersarmut nicht zu belegen, im Gegenteil: "Altersarmut ist eines der meistüberschätzten Phänomene der Gegenwart, statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, auf ein armes Kind zu stoßen, etwa fünfmal größer als die, auf einen armen Rentner zu stoßen", meint der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen in der Frankfurter Allgemeinen.

Das vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin geleitete "Sozioökonomische Panel" bestätigt, dass das Einkommen der Rentner 2003 bei 104,5 Prozent des durchschnittlichen verfügbaren Einkommens der Gesamtbevölkerung liegt. Ein Elternpaar mit einem dreijährigen Kind kommt hingegen nur auf 83,6 Prozent dieses Werts.

Bei der derzeitigen Debatte geht es also nicht um die Vermeidung von Altersarmut, sondern um einen Verteilungskonflikt zwischen Sozialleistungsempfängern (hier: den Rentnern) und den heutigen Beitragszahlern (hier: den Arbeitnehmern). Und der wird mit harten Bandagen geführt: Der junge CDU-Abgeordnete Jens Spahn, der sich gegen die Erhöhung aussprach, erhielt sogar eine Morddrohung. Der Chef der Senioren-Union in Spahns Landesverband in Nordrhein-Westfalen, Leonhard Kuckart, möchte sogar seine Wiederwahl verhindern: wer in den Bundestags wolle, müsse zumindest über einige Jahre Berufserfahrung verfügen und Kinder im schulpflichtigen Alter haben, so Kuckart.

Aber der Konflikt ist nicht nur auf die Rente beschränkt, auch in der Arbeitsmarktpolitik wächst das Konfliktpotential zwischen Leistungsempfängern und Steuerzahlern, wie die Diskussion um die Verlängerung des Arbeitslosengeld-I-für Langzeiteinzahler zeigt. Damals hatte Jürgen Rüttgers die Verlängerung durchgesetzt – zum Preis eines langsameren Rückgang der Arbeitslosigkeit, wie sich inzwischen zeigt.

Parteien justieren sich immer entlang der großen gesellschaftlichen Konfliktlinien: im 19. Jahrhundert waren dies zuerst der Konflikt zwischen Großgrundbesitzern und Landlosen, zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Kapital und Arbeit und nun eben zwischen Transferleistungsempfängern und Beitragszahlern.

Die meisten Parteien haben diese neue Konfliktlinie noch gar nicht erkannt und machen Politik nach altem Muster. Die Linkspartei ist die einzige Partei, die sich bereits auf den neuen Konflikt ausgerichtet hat, mehr noch: sie verdankt sogar ihre Existenz dem neu aufflammenden Streit zwischen Leistungsempfängern und Leistungserbringern. Die Linke vertritt dabei die Interessen der Empfänger von Sozialleistungen – auf Kosten derjenigen, die durch ihre Steuern den Sozialstaat finanzieren. Wahltaktisch macht das durchaus Sinn: das Statistische Bundesamt hat 2006 herausgefunden, dass nur 41 Prozent der Deutschen von ihrem Arbeitslohn leben – die Lobby der Steuerzahler ist also klein.

Die Volksparteien schwanken zwischen einer passiven Versorgungspolitik und einer aktivierenden Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die SPD hat unter Bundeskanzler Gerhard Schröder versucht, eine neue Balance zwischen "fördern und fordern" zu finden – ohne das davon viel übrige geblieben ist. Der vorwärts zitiert die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel mit den Worten: "Auch die junge Generation profitiert von einer Stärkung der Binnenkaufkraft durch die Rentenerhöhung". Das müsste sie mir vielleicht einmal genauer erklären, denn die Logik dieses Satzes erschließt sich mir nicht ganz.

Populismus ersetzt eben kein politisches Programm, doch das ist dringend notwendig. Der Generationenvertrag ist nicht in der Lage, die Rente der heutigen Beitragszahler zu finanzieren – das Problem wird in der aktuellen Debatte nur verlagert, aber nicht gelöst. Notwendig wäre eine stärkere Eigenvorsorge für Erwerbstätige, dafür ist aber eine Deckelung der staatlichen Rentenbeiträge notwendig. Denn nur wenn die staatlichen Rentenbeiträge nicht regelmäßig steigen bleibt Geld für die private Vorsorge über.

Die Probleme der Rentenkasse müssen nicht zu einem neuen "Klassenkampf" zwischen Alten und Jungen führen. Ein neuer Generationenvertrag müsste freilich auch die Ansprüche der Rentner und die Verpflichtungen der Beitragszahler neu justieren. Ein Kompromiss könnte so gehen: die Alten stimmen den moderaten Rentenerhöhungen nach dem "Riester-Faktor" zu, und die Jungen stärken die private Vorsorge, wissend, dass der Staat ihre Rente kaum wird zahlen können.

Mehr zum Thema auf meiner Webseite.

Kommentare (3)

Foto: Justin W
von Justin W | 27.04.2008 | 22:03 Uhr

private Vorsorge sollte nicht im Interesse der Sozialdemokratie sein, da sie lediglich den Reichen zu einer fetten Rente verhilft, während sie sich die Armen nicht leisten können. Der Sinn der staatlichen Rente ist die Umverteilung. Es kann nicht angehen, dass es Rente nur noch für Reiche gibt und alle anderen schauen können wo sie bleiben.

sozialistische Grüße
Justin

Gravatar von Peter Weigelt
von Peter Weigelt | 28.04.2008 | 14:32 Uhr

Hier hat wohl einer den Schuss noch nicht gehört - oder? ;-)

Die Durchschnittsrente ist dank Rot Grün und dem "verehrten" Ex-Kanzler in den letzten 7 Jahren um 10 Prozent gesunken. Und da ist die Inflation noch nicht eingerechnet.

Neben der Berechnungsgrundlage ist daran sicherlich auch die Lohnentwicklung beteiligt. Eine Entwicklung hin zum Hungerlohn. Nur möglich - dank der Hartz IV Gesetze, die Arbeitslose zwingt auch Hungerlöhne und unbezahlte Praktika anzunehmen. Und damit auch die, die eine Arbeit haben, unter Druck setzen.

Und mit diesen Daten wird dann deine Propaganda-Statistik gefüttert, dass es den Haushalten mit Kindern sehr viel schlechter gehe.

Verräterisch ist dabei, dass die, die mit solchen Aussagen hausieren gehen, in der Regel weder in den Topf einzahlen noch Kinder haben. ;-)

Die Senkung der Renten und des Beitragssatzes bestiehlt eben nicht nur die Rentner sie bestiehlt insbesondere die Beitragszahler.

Und das ganze ist von langer Hand geplant. Die Finanzhaie wollen an die Fleischtöpfe. Und was sie damit machen, dass haben wir ja gerade hautnah erleben dürfen.

Foto: Daniel Florian
von Daniel Florian | 29.04.2008 | 08:45 Uhr

Ich behaupte ja auch nicht, dass die Renten nicht gesunken seien, aber es geht mir ja vor allen Dingen um das verfügbare Einkommen (abzüglich Steuern, Abgaben etc.) und das liegt für Renten eben leicht über dem Durchschnitt der Bevölkerung, für Familien aber deutlich unter dem Durchschnitt. Und die Zahlen die ich zitiere stammen vom DIW und sind wissenschaftlich fundiert -- gerecht ist das meiner Ansicht nach nicht, und das sollte doch das Ziel sozialdemokratischer Politik sein!

Und ja: ich zahle auch in den Topf ein, insofern erlaube ich mir auch, dazu eine Meinung zu haben.