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Empfehle DIE ZEIT: Die Partei bin ich
VON BRIGITTE FEHRLE | © DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
Auf den Fluren des Reichstags, dort, wo die Abgeordneten der Linkspartei sitzen, kursiert ein Witz über Oskar Lafontaine: Trifft ein linker Abgeordneter einen anderen und fragt: »Wieso bist du nicht im Saarland, Wahlkampf machen für Oskar?« Sagt der andere: »Ich will ja nicht, dass der noch mächtiger wird!« Darauf der erste: »Quatsch, erst machen wir ihn im Saarland zum Ministerpräsidenten, und dann schlagen wir die Kosovo-Lösung vor.« – »Kosovo?« – »Na ja, die Unabhängigkeit!«
In der Linkspartei tut sich Erstaunliches: Es regt sich offener Widerspruch gegen den übermächtigen Vorsitzenden. Gleichzeitig probt die Kommunistische Plattform für ihre Rückkehr an die Parteispitze. Und Deutschland bekommt gerade erst zu spüren, wie weit der Einfluss Oskar Lafontaines das Land schon umkrempelt.
»Die Erfolge der Linken verändern bereits erkennbar die Diskussionen der anderen Parteien.« Das könnte Lafontaine selbst behaupten. Ermittelt aber hat es Renate Köcher, Meinungsforscherin am konservativen Allensbach-Institut. Köcher fand heraus, dass 55 Prozent der Deutschen nicht nur glauben, dass die Linke stark ist, sie erwarten auch, dass sie noch stärker wird.
Lafontaines Vorstellungen von sozialer Umverteilung von oben nach unten sind in Deutschland populär wie nie. Sie haben sich als Angstszenario bis in die Köpfe der Spitzenpolitiker hineingefressen. Panik spricht aus Koalitionsbeschlüssen wie der außerplanmäßigen Rentenerhöhung. Panik vor einem Wahlkampf, den Lafontaine gegen die »altersrassistische Politik« der Volksparteien führen könnte. Ein Blick auf Regierungsbeschlüsse zeigt schon heute verblüffende Analogien zu Forderungen der Linken. Längeres Arbeitslosengeld, höheres Wohngeld, Begrenzung der Privatisierung. Es scheint, als habe Lafontaine mit am Kabinettstisch gesessen. Doch für Lafontaine ist der Einfluss auf die Regierung nur eine Art Kollateralnutzen.
Wenn Oskar Lafontaine seine Macht mehrt, hat er stets zwei Parteien im Blick: die Linke, die er ausbauen will, und die SPD, die er schrumpfen lassen möchte. Die Stärkung der einen bedeutet die Schwächung der anderen. Es ist eine beidseitige Verstrickung, unlösbar, zerstörerisch. Bis zum Parteitag der Linken sind es noch wenige Wochen, bis zur Bundestagswahl keine 18 Monate mehr. Was will Deutschlands begnadetster Populist bis dahin erreichen – und was danach? Was will er mit seiner neuen Partei anstellen und was mit seiner alten?
»Mit Lafontaine nie wieder« sagen fast alle Sozialdemokraten beim Gedanken an mögliche rot-rote Kooperationen. »Lafontaine arbeitet sich an der SPD ab«, sagt einer seiner neuen politischen Freunde. Lafontaine war Willy Brandts Lieblingsenkel, er war ihr bester Wahlkämpfer, er hat sie mit an die Regierung gebracht. Aber eben auch: Er hat die SPD verraten, verlassen, sie ins Herz getroffen. An diesem Trauma leidet die Partei – mindestens so sehr wie ihr Ex-Vorsitzender im Exil.
Mehr zum Thema: www.zeit.de/2008/19/Lafontaine-Linke



