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Dieses Blog dient als Ort des Positionsbeziehens zu Tages- und Parteipolitik. Kritische Anmerkungen sind ausdrücklich erwünscht!
Der Gymnasiast im Windkanal - achtjähriges Gymnasium grundsätzlich überdenken!
Das Statement wirkt wirklich zynisch, angesichts der Tatsache, dass genau das eingetreten ist. SchülerInnen, Eltern und Lehrer machten im Vorfeld der hessischen Landtagswahl am 27. Januar ihren Unmut laut. Im bekannten Ergebnis rutschte die CDU 12 Prozent ab, bei Beamten 14 Prozent, nur 27% der WählerInnen trauten ihr eine Bildungskompetenz zu. Und Karin Wolff ist zwar noch amtierende, aber scheidende Kultusministerin.
Die Umsetzung des weitgehend parteiübergreifenden Beschlusses der Kultusministerkonferenz, die gymnasiale Ausbildung um ein Jahr zu kürzen, hat zu einem beispiellosen bildungspolitischen Desaster geführt. Was im Augenblick in den Gymnasien der Bundesrepublik diesem Beschluss entsprechend umgesetzt wird, ist die Vergewaltigung des Humboldtschen Bildungsideals der ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung. Dazu gehört nicht nur Wissens- und Qualifikationserwerb über Lernen und Zeugnisse, um einen Arbeitsplatz erwerben zu können. Dazu gehört auch das umfassende Schürfen der Schülerinnen und Schüler nach Talenten, Begabungen und versteckten Identitäten. Dafür bleibt jedoch im achtjährigen Gymnasium immer weniger Zeit, denn eine Verkürzung der 265 Jahreswochenstunden ist von der KMK nicht vorgesehen. Diesem Manko kann auch mit einem vernünftigen Ausbau der Ganztagsschulen und einem respektablen schulischen Nachhilfeangebot, Mittagessen und ausgedehnter Mittagspause nur bedingt begegnet werden. Strukturierte Ganztagsschulen, die an den Bio- und Lernrhytmus der Schülerinnnen und Schüler angepasst sind, sind ein hervorragendes Instrument auch um Chancengerechtigkeit für Familien herzustellen, die sich die Nachmittagsbetreuung ihrer Kinder nicht leisten können. Aber sie darf nicht dazu dienen, fundamentale Defizite von G8 auszubügeln. Denn durch sie wird der workload von 265 Stunden für die Kinder nur leichter zu ertragen, Freizeit fehlt den Schülerinnen und Schülern immer noch.
Die auf den ersten Blick grundsätzlich plausible Überzeugung, eine aerodynamisierter und auf acht Jahre verkürzter Bildungsweg am Gymnasium verbessere die beruflichen Chancen, ist in CDU und FDP, leider aber auch bei der SPD und den Grünen weit verbreitet. Es passt in das moderne Nützlichkeits- und Verwertbarkeitsdenken, dass Bildungskonzepte, die den in Zahlen messbaren Marktwert des Produkts "Absolvent" erhöhen umgesetzt, und solche die ihn verringern, verworfen werden. Es ist ein Denkmuster des konkurrenzorientierten Gegeneinanders, nicht des sozialen Miteinanders.
Empirisches Datenmaterial zur Untermauerung dieser Konkurrenzfähigkeitsthese fehlt bis heute. Klar ist, ein Abiturient mit 19 oder 20 Jahren kann auf dem internationalen Arbeitsmarkt sowieso noch in keinem Wettbewerbsverhältnis stehen. Und deutsche HochschulabsolventInnen sind auf dem internationalen Arbeitsmarkt derart begehrt, dass ein Großteil des hochqualifizierten Personals hierzulande fehlt. In Deutschland ausgebildete Menschen mit Abitur haben keinen altersbedingten Nachteil, vielmehr haben sie einen Vorteil aufgrund der trotz allem hohen Qualität der breitangelegten Lehre.
Wie man es auch dreht und wendet, die bloße Idee von G8 weist strukturelle Mängel auf, welche die Aufrechterhaltung des gesamten Konzepts in Frage stellen.
Darüber hinaus kann man die Verkürzungsthese ebenso plausibel umdrehen und Befürwortern des achtjährigen Gymnasiums die unbequeme Frage stellen, ob denn nicht gerade ein früheres und damit unter Umständen verfrühtes Abitur zu einer längeren Ausbildung führen kann: Denn welcher Typus Gymnasiast wird wohl später bei der Studienfachwahl entschlussfreudiger, im Studium selbst engagierter und mit dem Studienabschluss schneller sein - der Typus A mit 50-stündiger Lernwoche (keine Seltenheit), der nie Zeit für Hobbies hatte, aber dafür nun ein Turboabi in der Tasche, oder Typus B mit 35 Stunden Wochenlernzeit, einem 13-jährigem Gymnasium hinter sich, der aber ziemlich eindeutig etwas mit sich und der Richtung seiner akademischen Ausbildung anzufangen weiß?
Kommentare (1)
Mein Abitur ist fast 10 Jahre her. Ich habe Kontakt zu ausreichend vielen aktuellen Schülerinnen und Schülern. Die Lernpläne sind in vielen Fächern mit denen identisch, die ich erleben musste.
Ich ziehe auf Basis meiner Erfahrung den Schluss: G8 ist kein Problem, aber die Lehrpläne müssen endlich mal entrümpelt werden. Dann muss ich Siebtklässler auch nicht bis 15.30 Uhr in der Schule als Geisel nehmen. Das ist ja krank! Außer natürlich es handelt sich um eine Ganztagsschule. ;-)
Es ist zu begrüßen, dass die Schüler früher zu ihren Abschlüssen kommen, aber das muss fair passieren. Ich kann mich an dutzende Themengebiete erinnern, deren Tilgung aus dem Lehrplan völlig schadlos wäre, aber die nötige Zeit bringen würde, damit Kinder auch Kinder sein können und trotzdem nach Jahrgang 12 ihr Abitur in der Tasche haben.
Nur wenn ich schon feststellen muss, dass die Themen in der gymnasialen Oberstufe nach fast 10 Jahren noch immer die gleichen sind, ich dies auf die unteren Klassenstufen übertrage und dann an die "Reaktionszeit" der KMK denke, wird mir schlecht bzgl. G8. Unser Bildungssystem müsste umgekrempelt und aufgeräumt werden. Es muss flexibler werden. Aber wie soll es flexibel werden, wenn die "Macher" gänzlich unflexibel und träge sind?
Naja, und was die CDU mit ihrer "Unterrichtsgarantie Plus" in meinem schönen Hessen anrichtet lasse ich unkommentiert. :-(




