Tobi's Blog - Ansichten, Kommentare, Lesenswertes

von Tobias Braun
Über dieses Blog
Hier möchte ich außerhalb der Foren polit. und wirtschaftl. Ereignisse kommentieren - aus meiner sehr facettenreichen Sicht. ;-)
Hin und wieder werden noch einige persönliche Erlebnisse und Erwähnenswertes mit Bezug zu Polit. od. Wirtsch. eingestreut.
Kommentare sind natürlich erwünscht!
Schavans Vorstellungen von Schule
Hier ein Interview aus dem SPIEGEL (Nr. 9/ 25.02.08), mit Anette Schavan (CDU), der Bundesbildungs- und Forschungsministerin. Die, die es schon gelesen haben, können es ja überspringen, Kommentar folgt unten. Da ich alles abgeschrieben habe, bitte ich darum, Tippfehler zu entschuldigen.
F = Fragen vom Spiegel, S = Schavan
"SCHULE HEIßT ANSTRENGUNG"
Forschungsministerin Anette Schavan, 52, über die Verkürzung der Schulzeit am Gymnasium und die Überlegungen der SPD, Gemeinschaftsschulen einzuführen
"S: Frau Schavan, seit langem hat keine Schulreform die Eltern mehr so aufgeregt wie "G8", also die Verkürzung der Gymnasialzeit von 9 auf 8 Jahre. Viele Kinder kommen erst am frühen Nachmittag heim und haben dann noch einen Berg Hausaufgaben vor sich. Was haben die Kultusminister da angerichtet?
S: Wir vollziehen in Deutschland nach, was in anderen Ländern längst Standard ist. Europa wächst zusmamen, und das gilt auch für die Schule.
F: Man hört Schreckliches: Kindergeburtstage, bei denen die Hälfte fehlt, Schulorchester, die mangels Teilnahme aufgeben. "Das neue System stiehlt den Schülern die Kindheit", klagt selbst ein so wohltemperierter Mensch wie der TV-Moderator Reinhold Beckmann.
S: Wer meint, dass nun in 8 Jahren alle das gelernt werden mus, was vorher in 9 Jahren gelehrt wurde, hat die Reform nicht verstanden. Es geht auch um eine neue Pädagogik, und damit um neue, der kürzeren Schulzeit angepasste Lehrpläne. Jetzt von einem Angriff auf die Kindheit zu sprechen, das ist wirklich schräg. Für mich ist die zentrale Frage, wie muss Schule aussehen, damit Kinder gut lernen und ihre Talente entfalten können.
F: Aber Kindheit ist doch mehr als Schule, sie ist auch Spiel und Zeit zur freien Verfügung. Ist es wirklich wünschenswert, wenn Kinder schon mit 10 Jahren ein Leben wie kleine Erwachsene führen müssen, eingezwängt in ein enges Terminkorsett?
S: Als die erste Pisa-Studie 2001 veröffentlicht wurde, bestand Konsens darüber, dass die Qualität der Schule verbessert werden muss. Und das heißt eben auch, dass Jugendliche am Ende der Schulzeit ein ordentliches Fundament haben müsen, um eine qualifizierte Ausbildung anzuschließen. Natürlich darf Kindheit nicht nur Druck sein, natürlich soll die Schulzeit auch Spaß machen. Allerdings erschöpft sich Schule nicht nur in Spaß. Schule heißt auch Anstrengung, Leistungswille.
F: Wie haben Sie Ihre eigene Schulzeit erlebt?
S: Ich gehöre zu einem Jahrgang, der schon nach 12 Schuljahren Abitur gemacht hat, und ich kann nicht sagen, dass mir das geschadet hat. Mir hat die Schule Horizonte eröffnet und Dinge möglich gemacht, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Natürlich hat es Tage gegeben, an denen ich das Gefühl hatte, den Ansprüchen nicht zu genügen. Aber auch das ist eine elementare Erfahrung der Schulzeit: Sie lässt einen neben senien Stärken auch seine Schäwchen entdecken.
F: Als eine erste Folge der G8-Umstellung haben nun die Nachhilfeinstitutionen Zulauf. Nicht jeder kann sich das leisten. Vertieft sich damit nicht die soziale Ungleichheit, die Sie doch gerade durch mehr Bildung für alle bekämpfen wollen?
S: Wir haben mittlerweile verlässliche Daten, warum Nachhilfe in Anspruch genommen wird. Die Fachleute sind sich einig: Mehr Nachhilfe ist kein Hinweis auf die steigende Angst, in der Schule zu versagen, sondern sie ist Ausdruck des Ehrgeizes, die Noten zu verbessern.
F: In Hessen hat die Debatte um G8 gerade eine Landtagswahl mitentschieden, die zuständige Bildungsministerin ist vor wenigen Tagen zurückgetreten. Wissen all diese Eltern, die aus Protest Roland Koch ihre Stimme verweigert haben, nicht, wovon sie reden?
S: Wir haben uns lange genug beschwert, dass sich niemand so richtig für Bildungspolitik interessiert, wir solten froh sein, dass sich das geändert hat. Und natürlich haben alle Eltern absolut recht, die nun sagen, wer eine Reform einführt, muss auch dafür sorgen, dass sie funktioniert. Aber wir dürfen deshalb doch nicht ganz zu dem Kurzschluss kommen, die ganze Reform in Frage zu stellen, weil vor Ort Probleme auftauchen. Es gibt viele Schulen, die den Wechsel gut hinbekommen haben.
F: Bringt die Stauchung der Schulzeit wirklich etwas? Was hat ein 18-jähriger Abiturient eigentlich einem 19-jährigen voraus?
S: Wir haben immer darüber geklagt, dass die Gesamtzeit der Ausbildung in Deutschland zu lang ist. Früher fertig zu sein bringt den Jugendlichen mehr Chancen, das gilt erst recht, wenn man sich in der internationalen Konkurrenz mit anderen befindet. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass in der Schule alles vermittelt werden muss, was irgendwie wichtig ist. Schule schafft heute eine Bildungsbasis, und dann muss die nächste Phase der Ausbildung beginnen. Wir halten die jungen Heranwachsenden unnötig zurück, wenn wir sie künstlich in der Rolle von Schülern halten.
F: Die neue Wirklichkeit sieht demnach so aus: Mit 18 Abitur, mit 21 einen Bachelor an der Uni, dann ab ins Arbeitsleben. Mit Humboldts Ideal des umfassend gebildeten Menschen hat das nichts mehr zu tun.
S: Wollen sie damit sagen, dass im Rest der Welt nur bildungslose Arbeitskräfte produziert werden? Wir diskutieren die ganze Zeit über die Belastung von Gymnasiasten, wer diskutiert eigentlich über das Verschwinden der Kindheit bei Auszubildenden, immerhin 2/3 der Jugendlichen? Bei denen gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass sie ganztägig im Betrieb arbeiten und dann noch die Schule besuchen. Die Realität in Deutschland war bis vor kurzem doch folgende: Abitur im Durchschnitt mit 19,7 Jahren, das erste Staatsexamen zwischen 28 und 29. Unser Gedächtnis kann doch nicht so kurz seni, dass wir das alles schon komplett vergessen haben.
F: Vor kurzem hat die Pisa-Kommission neue Ergebnisse vorgelegt, danach hat sich Deutschland im internationalen Vergleich in den Naturwissenschaften von Platz 18 auf 13 vorgearbeitet, knapp hinter Slowenien und Liechtenstein. Es gab großes Aufatmen, aber reicht das Mittelfeld für die drittgrößte Industrienation der Welt?
S: Das reicht natürlich nicht. Wir sind mitten in der tiefgreifendsten Bildungsreform in der Geschichte des Landes, und es muss weitergehen. Die Wende zur Empirie in der Bildungspolitik hat entscheidend dabei geholfen, von gefühlter Wirklichkeit wegzukommen. Bis zu Pisa konnte man ja behaupten, was man wollte. Anfang 2020, also bereits in 12 Jahren, wir Deutschland 13 Prozent weniger Schüler haben, das heißt weniger Ingenieure, weniger Techniker, weniger Wissenschaftler, wenn wir nicht gegensteuern. Ein Land, das eine solche demografische Entwicklung hat, muss den Ehrgeiz haben, bei der Bildung ganz vorn zu sein.
F: In kaum einem anderen Industrieland hängt die Bildungskarriere so sehr von der sozialen Herkunft der Eltern ab. Wieso ist das so?
S: Weil in der Vergangenheit die frühen Jahre nicht genutzt wurden. Es macht enien enormen Unterschied, ob ein Kind vor der Grundschule zu Haus intellektuell stimuliert wird oder eben nicht. Hier ist die eigentliche Quelle der Chancenungerechtigkeit, da müssen wir etwas tun. Das gilt erst recht für ausländische Kinder. Wer sprachlos in die Schule kommt, hat von Anfang an schlechtere Chancen.
F: Sollte man die Kinder länger zusmamenlassen? Viele Bildungsreformer meinen jetzt, nach der vierten Klasse könne man noch nicht sagen, wer aufs Gymnasium gehört und wer nicht.
S: Es gibt keine gesicherten Forschungsergebnisse, dass der Bildungserfolg steigt, je länger man diese Entscheidung herauszögert. Was wir allerdings genau wissen, ist, wie wenig Strukturdebatten aus den 70er Jahren bringen. Wer jetzt schon wieder Strukturen ändert und lales andere beim Alten lässt, versetzt dem Bildungssystem den zweiten Schlag.
F: Die Einheitsschule scheint dennoch vor einer Renaissance zu stehen. in Hessen will die SPD unter Andrea Ypsilanti alle Schüler bis zur 10. Klasse in einer Gemeinschaftsschule versammeln, die Sozialdemokraten in NRW haben ähnliches vor.
S: Das alles hat die SPD vor 30 Jahren schon einmal beschlossen, mit katastrophalen Ergebnissen übrigens. Die Eltern haben der Einheitsschule immer misstraut, und als die erste Pisa-Studie kam, zeigte sich eindeutig, dass es an Gesamtschulen nicht gerechter zugeht, und sie auch nicht erfolgreicher sind. Gerechter und leistungsfähiger wird ein Bildungssystem durch originelle pädagogische Konzepte, nicht durch Zusammenlegung von Schulen.
F: Für vieles, worüber wir hier reden, sind Sie als Bundesbildungsministerin strenggenommen gar nicht zuständig. Ärgert Sie das manchmal?
S: Erstens bin ich stellvertretende Parteivorsitzende der CDU und damit schon mal für alles zuständig, wenn ich will. Und zweitens sind die Beziehungen zwischen Bund und Ländern im Moment in einer sehr aufgeräumten Atmosphäre, die halten das aus. Die Vorstellung, dass eine Bundesregierung sagt, Bildungspolitik interessiet uns nicht, ist abwegig. Bildung ist die Quelle zukünftigen Wohlstands und damit auch eine Frage nationaler Strategien."
(Interview: Jan Fleischhauer, Dirk Kurbweit)
__________________________
Ich finde es erschreckend, wie sie die Kinder zu sehen scheint: Als Humankapital, als spätere Ingenieure, Wissenschaftler etc. Dies steht im Einklang mit dem Konzept, die Schule nicht mehr um ihrer selbst willen (wie z.B. beim erwähnten Humboldt), sondern nur noch als Basis für die spätere Ausbildung anzulegen. Also schmeißen wir gleich mal die Philosophie der Aufklärung aus den Lehrplänen! Die braucht ja eh später keiner mehr!
Sie sagt sowieso viel, drückt aber kaum was aus oder verneint dies wieder, wie z.B. bei "Natürlich muss Kindheit Spaß machen", das sie gleich wieder widerlegt, indem sie Leistungswillen fordert.
Was sie über Nachhilfe sagt, kann ich nicht so recht nachvollziehen. Bei uns ist es zumindest nicht so wie beschrieben. Auch dass andere Länder (oder die DDR) nur 12 Jahre Schule haben, ist kein Argument. Genauso wenig, wie dass sie selbst nur 12 hatte: Sie hat ja gar keine Vergleichsmöglichkeit! Und wenn ich mir ihre Politik so anschaue, dann habe ich da schon Zweifel, ob es ihr nicht doch geschadet hat...
Aber sie sagt ja nicht nur Falsches: Bei der intellektuellen Stimulation von Kleinkindern und darin, dass Migrantenkinder für den Erfolg erst einmal Deutsch können müssen, hat sie Recht. Dummerweise glänzt ihre Partei gerade bei diesen Themen mit Tatenlosigkeit und Ignoranz.
Das einzige ernstzunehmende Argument ist das mit den besseren Chancen. Das Jahr hätte man aber auch durch Abschaffung des Wehrdienstes gekriegt.
Was meint sie eigentlich mit dem SPD-Debakel vor 30 Jahren?
Alles in allem hat sie mich nicht überzeugt.
Mfg
PS: Einen weiteren kritischen Beitrag habe ich verlinkt
F = Fragen vom Spiegel, S = Schavan
"SCHULE HEIßT ANSTRENGUNG"
Forschungsministerin Anette Schavan, 52, über die Verkürzung der Schulzeit am Gymnasium und die Überlegungen der SPD, Gemeinschaftsschulen einzuführen
"S: Frau Schavan, seit langem hat keine Schulreform die Eltern mehr so aufgeregt wie "G8", also die Verkürzung der Gymnasialzeit von 9 auf 8 Jahre. Viele Kinder kommen erst am frühen Nachmittag heim und haben dann noch einen Berg Hausaufgaben vor sich. Was haben die Kultusminister da angerichtet?
S: Wir vollziehen in Deutschland nach, was in anderen Ländern längst Standard ist. Europa wächst zusmamen, und das gilt auch für die Schule.
F: Man hört Schreckliches: Kindergeburtstage, bei denen die Hälfte fehlt, Schulorchester, die mangels Teilnahme aufgeben. "Das neue System stiehlt den Schülern die Kindheit", klagt selbst ein so wohltemperierter Mensch wie der TV-Moderator Reinhold Beckmann.
S: Wer meint, dass nun in 8 Jahren alle das gelernt werden mus, was vorher in 9 Jahren gelehrt wurde, hat die Reform nicht verstanden. Es geht auch um eine neue Pädagogik, und damit um neue, der kürzeren Schulzeit angepasste Lehrpläne. Jetzt von einem Angriff auf die Kindheit zu sprechen, das ist wirklich schräg. Für mich ist die zentrale Frage, wie muss Schule aussehen, damit Kinder gut lernen und ihre Talente entfalten können.
F: Aber Kindheit ist doch mehr als Schule, sie ist auch Spiel und Zeit zur freien Verfügung. Ist es wirklich wünschenswert, wenn Kinder schon mit 10 Jahren ein Leben wie kleine Erwachsene führen müssen, eingezwängt in ein enges Terminkorsett?
S: Als die erste Pisa-Studie 2001 veröffentlicht wurde, bestand Konsens darüber, dass die Qualität der Schule verbessert werden muss. Und das heißt eben auch, dass Jugendliche am Ende der Schulzeit ein ordentliches Fundament haben müsen, um eine qualifizierte Ausbildung anzuschließen. Natürlich darf Kindheit nicht nur Druck sein, natürlich soll die Schulzeit auch Spaß machen. Allerdings erschöpft sich Schule nicht nur in Spaß. Schule heißt auch Anstrengung, Leistungswille.
F: Wie haben Sie Ihre eigene Schulzeit erlebt?
S: Ich gehöre zu einem Jahrgang, der schon nach 12 Schuljahren Abitur gemacht hat, und ich kann nicht sagen, dass mir das geschadet hat. Mir hat die Schule Horizonte eröffnet und Dinge möglich gemacht, die mir sonst verschlossen geblieben wären. Natürlich hat es Tage gegeben, an denen ich das Gefühl hatte, den Ansprüchen nicht zu genügen. Aber auch das ist eine elementare Erfahrung der Schulzeit: Sie lässt einen neben senien Stärken auch seine Schäwchen entdecken.
F: Als eine erste Folge der G8-Umstellung haben nun die Nachhilfeinstitutionen Zulauf. Nicht jeder kann sich das leisten. Vertieft sich damit nicht die soziale Ungleichheit, die Sie doch gerade durch mehr Bildung für alle bekämpfen wollen?
S: Wir haben mittlerweile verlässliche Daten, warum Nachhilfe in Anspruch genommen wird. Die Fachleute sind sich einig: Mehr Nachhilfe ist kein Hinweis auf die steigende Angst, in der Schule zu versagen, sondern sie ist Ausdruck des Ehrgeizes, die Noten zu verbessern.
F: In Hessen hat die Debatte um G8 gerade eine Landtagswahl mitentschieden, die zuständige Bildungsministerin ist vor wenigen Tagen zurückgetreten. Wissen all diese Eltern, die aus Protest Roland Koch ihre Stimme verweigert haben, nicht, wovon sie reden?
S: Wir haben uns lange genug beschwert, dass sich niemand so richtig für Bildungspolitik interessiert, wir solten froh sein, dass sich das geändert hat. Und natürlich haben alle Eltern absolut recht, die nun sagen, wer eine Reform einführt, muss auch dafür sorgen, dass sie funktioniert. Aber wir dürfen deshalb doch nicht ganz zu dem Kurzschluss kommen, die ganze Reform in Frage zu stellen, weil vor Ort Probleme auftauchen. Es gibt viele Schulen, die den Wechsel gut hinbekommen haben.
F: Bringt die Stauchung der Schulzeit wirklich etwas? Was hat ein 18-jähriger Abiturient eigentlich einem 19-jährigen voraus?
S: Wir haben immer darüber geklagt, dass die Gesamtzeit der Ausbildung in Deutschland zu lang ist. Früher fertig zu sein bringt den Jugendlichen mehr Chancen, das gilt erst recht, wenn man sich in der internationalen Konkurrenz mit anderen befindet. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass in der Schule alles vermittelt werden muss, was irgendwie wichtig ist. Schule schafft heute eine Bildungsbasis, und dann muss die nächste Phase der Ausbildung beginnen. Wir halten die jungen Heranwachsenden unnötig zurück, wenn wir sie künstlich in der Rolle von Schülern halten.
F: Die neue Wirklichkeit sieht demnach so aus: Mit 18 Abitur, mit 21 einen Bachelor an der Uni, dann ab ins Arbeitsleben. Mit Humboldts Ideal des umfassend gebildeten Menschen hat das nichts mehr zu tun.
S: Wollen sie damit sagen, dass im Rest der Welt nur bildungslose Arbeitskräfte produziert werden? Wir diskutieren die ganze Zeit über die Belastung von Gymnasiasten, wer diskutiert eigentlich über das Verschwinden der Kindheit bei Auszubildenden, immerhin 2/3 der Jugendlichen? Bei denen gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass sie ganztägig im Betrieb arbeiten und dann noch die Schule besuchen. Die Realität in Deutschland war bis vor kurzem doch folgende: Abitur im Durchschnitt mit 19,7 Jahren, das erste Staatsexamen zwischen 28 und 29. Unser Gedächtnis kann doch nicht so kurz seni, dass wir das alles schon komplett vergessen haben.
F: Vor kurzem hat die Pisa-Kommission neue Ergebnisse vorgelegt, danach hat sich Deutschland im internationalen Vergleich in den Naturwissenschaften von Platz 18 auf 13 vorgearbeitet, knapp hinter Slowenien und Liechtenstein. Es gab großes Aufatmen, aber reicht das Mittelfeld für die drittgrößte Industrienation der Welt?
S: Das reicht natürlich nicht. Wir sind mitten in der tiefgreifendsten Bildungsreform in der Geschichte des Landes, und es muss weitergehen. Die Wende zur Empirie in der Bildungspolitik hat entscheidend dabei geholfen, von gefühlter Wirklichkeit wegzukommen. Bis zu Pisa konnte man ja behaupten, was man wollte. Anfang 2020, also bereits in 12 Jahren, wir Deutschland 13 Prozent weniger Schüler haben, das heißt weniger Ingenieure, weniger Techniker, weniger Wissenschaftler, wenn wir nicht gegensteuern. Ein Land, das eine solche demografische Entwicklung hat, muss den Ehrgeiz haben, bei der Bildung ganz vorn zu sein.
F: In kaum einem anderen Industrieland hängt die Bildungskarriere so sehr von der sozialen Herkunft der Eltern ab. Wieso ist das so?
S: Weil in der Vergangenheit die frühen Jahre nicht genutzt wurden. Es macht enien enormen Unterschied, ob ein Kind vor der Grundschule zu Haus intellektuell stimuliert wird oder eben nicht. Hier ist die eigentliche Quelle der Chancenungerechtigkeit, da müssen wir etwas tun. Das gilt erst recht für ausländische Kinder. Wer sprachlos in die Schule kommt, hat von Anfang an schlechtere Chancen.
F: Sollte man die Kinder länger zusmamenlassen? Viele Bildungsreformer meinen jetzt, nach der vierten Klasse könne man noch nicht sagen, wer aufs Gymnasium gehört und wer nicht.
S: Es gibt keine gesicherten Forschungsergebnisse, dass der Bildungserfolg steigt, je länger man diese Entscheidung herauszögert. Was wir allerdings genau wissen, ist, wie wenig Strukturdebatten aus den 70er Jahren bringen. Wer jetzt schon wieder Strukturen ändert und lales andere beim Alten lässt, versetzt dem Bildungssystem den zweiten Schlag.
F: Die Einheitsschule scheint dennoch vor einer Renaissance zu stehen. in Hessen will die SPD unter Andrea Ypsilanti alle Schüler bis zur 10. Klasse in einer Gemeinschaftsschule versammeln, die Sozialdemokraten in NRW haben ähnliches vor.
S: Das alles hat die SPD vor 30 Jahren schon einmal beschlossen, mit katastrophalen Ergebnissen übrigens. Die Eltern haben der Einheitsschule immer misstraut, und als die erste Pisa-Studie kam, zeigte sich eindeutig, dass es an Gesamtschulen nicht gerechter zugeht, und sie auch nicht erfolgreicher sind. Gerechter und leistungsfähiger wird ein Bildungssystem durch originelle pädagogische Konzepte, nicht durch Zusammenlegung von Schulen.
F: Für vieles, worüber wir hier reden, sind Sie als Bundesbildungsministerin strenggenommen gar nicht zuständig. Ärgert Sie das manchmal?
S: Erstens bin ich stellvertretende Parteivorsitzende der CDU und damit schon mal für alles zuständig, wenn ich will. Und zweitens sind die Beziehungen zwischen Bund und Ländern im Moment in einer sehr aufgeräumten Atmosphäre, die halten das aus. Die Vorstellung, dass eine Bundesregierung sagt, Bildungspolitik interessiet uns nicht, ist abwegig. Bildung ist die Quelle zukünftigen Wohlstands und damit auch eine Frage nationaler Strategien."
(Interview: Jan Fleischhauer, Dirk Kurbweit)
__________________________
Ich finde es erschreckend, wie sie die Kinder zu sehen scheint: Als Humankapital, als spätere Ingenieure, Wissenschaftler etc. Dies steht im Einklang mit dem Konzept, die Schule nicht mehr um ihrer selbst willen (wie z.B. beim erwähnten Humboldt), sondern nur noch als Basis für die spätere Ausbildung anzulegen. Also schmeißen wir gleich mal die Philosophie der Aufklärung aus den Lehrplänen! Die braucht ja eh später keiner mehr!
Sie sagt sowieso viel, drückt aber kaum was aus oder verneint dies wieder, wie z.B. bei "Natürlich muss Kindheit Spaß machen", das sie gleich wieder widerlegt, indem sie Leistungswillen fordert.
Was sie über Nachhilfe sagt, kann ich nicht so recht nachvollziehen. Bei uns ist es zumindest nicht so wie beschrieben. Auch dass andere Länder (oder die DDR) nur 12 Jahre Schule haben, ist kein Argument. Genauso wenig, wie dass sie selbst nur 12 hatte: Sie hat ja gar keine Vergleichsmöglichkeit! Und wenn ich mir ihre Politik so anschaue, dann habe ich da schon Zweifel, ob es ihr nicht doch geschadet hat...
Aber sie sagt ja nicht nur Falsches: Bei der intellektuellen Stimulation von Kleinkindern und darin, dass Migrantenkinder für den Erfolg erst einmal Deutsch können müssen, hat sie Recht. Dummerweise glänzt ihre Partei gerade bei diesen Themen mit Tatenlosigkeit und Ignoranz.
Das einzige ernstzunehmende Argument ist das mit den besseren Chancen. Das Jahr hätte man aber auch durch Abschaffung des Wehrdienstes gekriegt.
Was meint sie eigentlich mit dem SPD-Debakel vor 30 Jahren?
Alles in allem hat sie mich nicht überzeugt.
Mfg
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