meineSPD.net - Vernetz Dich in der SPD Community: Modulbezeichnung

zur SPD-Community
 

SPD e noi - Italienischer Wind weht in der SPD

Foto: Gennaro Sposato
 
von Gennaro Sposato

Über dieses Blog

2005 haben Deutschland und Italien 50 Jahre Anwerbeabkommen gefeiert. Dieses Abkommen stellt den Startpunkt der heutigen Präsenz der ItalienerInnen in Deutschland dar. Von 1955 bis heute hat sich vieles geändert: Als Gastarbeiter angekommen, sind die ItalienerInnen heute ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft und haben einen wichtigen Beitrag zu ihrer wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung erbracht. Nicht mehr Emigranten, sondern Bürger, die zu einem gemeinsamen Horizont blicken: Europa.

In dieser Gruppe sollen italienische und italieninteressierte Genossinen und Genossen zusammentreffen, um über Italien, Deutschland und über die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse beider Länder zu diskutieren und sich auszutauschen.

Foto: Gennaro Sposato
von Gennaro Sposato | 02.03.2008 | 21:04 Uhr

Italiens nüchterner Visionär

ITALIENS NÜCHTERNER VISIONÄR
Im Wahlkampf macht Walter Veltroni eine neue politische Kultur vor

Walter Veltroni will Italiens neuer Regierungschef der linken Mitte werden. Er strebt einen Generationenwechsel im Parlament an und mahnt zu mehr Gemeinsamkeit.

Patricia Arnold, Mailand

Der Spitzenkandidat am Rednerpult wirkt wie ein Biedermann, blass und langweilig. Er trägt eine runde Intellektuellenbrille, sein graues, lichtes Haar ist strubblig, seine Kleidung typisch für einen Politiker: dunkler Anzug, hellblaues Hemd, immerhin die Krawatte ist rot und nicht farblich abgestimmt. Sieht so ein Hoffnungsträger von Mitte-Links aus, der Italien dazu bringen will, «seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und das Neue zu wählen»? Seine Anhänger rühmen ihn als «Wonder-Walter», als einen ungewöhnlichen italienischen Politiker, der Visionen hat und seine Ideen pragmatisch umsetzt.

Nüchtern, sachlich wirbt Walter Veltroni um die Gunst der Bürger für die vorgezogenen Wahlen am 13. April. Der 52-Jährige will Kindergeld und Mindestlohn einführen, Steuern senken und moderne Müllverbrennungsanlagen bauen. Das klingt nicht gerade revolutionär. Der Bewerber um das Amt des Ministerpräsidenten gibt sich auch keine Mühe, seine Zusagen mit rhetorischem Schwung vorzutragen. Er bleibt starr, verzieht keine Miene. Seine Versprechen hält Veltroni offenbar für selbstverständlich in einem modernen Staat.

Als Bürgermeister von Rom brachte Walter Veltroni in den vergangenen sieben Jahren frischen Wind in das verschlafene Weltdorf. Laut Umfragen weinen ihm 60 Prozent der Römer Tränen nach. Der Cineast Veltroni, der Filmregie studierte, gründete Filmfestspiele und organisierte glanzvolle Kulturereignisse in Serie. Mit seinem ausgeprägten Gefühl für soziale Missstände wickelte er selbst erzkonservative Römer um den Finger, obwohl er Kommunist war. Seine ersten politischen Erfahrungen sammelte Veltroni in der kommunistischen Jugendorganisation. Gleichzeitig schwärmte er für den früheren amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy.

Silvio Berlusconi, der konservative Kandidat, fürchtet den 20 Jahre jüngeren Gegner, der Elan an den Tag legt und mit seinem politischen Handeln gegen den Strom schwimmt. Zum Generalsekretär der Demokratischen Partei, in der sich vor fünf Monaten die ehemals kommunistischen Linksdemokraten und die christlichdemokratische Margherita zusammengeschlossen hatten, liess sich Veltroni vom Volk wählen. Ein Novum für Italien. 3,5 Millionen Italiener stimmten für den Parteigründer, der mit diesem Erfolg nicht gerechnet hatte.

Gleich zu Beginn des Wahlkampfes setzte Veltroni politischen Freunden schwer zu. Er richtete einen «Elefantenfriedhof» ein, wie italienische Zeitungen witzelten. Der Römer, der sich auch ein Leben jenseits der Politik vorstellen kann, zum Beispiel als Entwicklungshelfer in Afrika, will einen Generationswechsel im Parlament. Die alten Hasen, die seit drei Legislaturperioden als Volksvertreter Gehalt beziehen, wollte er alle in Rente schicken. Die Partei machte allerdings Druck. Veltroni gestand 30 Ausnahmen zu.

Veltroni will versöhnen, nicht spalten. Wütendes Streiten und giftige Beleidigungen kann er nicht leiden. «Wir müssen mit diesem wilden politischen Geschrei aufhören», mahnt er und fordert seine Landsleute zu mehr Gemeinsamkeit auf. Seinen Hauptgegner Berlusconi erwähnt er in seinen Reden nicht. Dieses Schweigen verbittert den Mailänder Medienunternehmer.

«Veltroni soll sich nur austoben», knurrte Berlusconi. Bald werde er am Ende sein. In zwei grünen Öko-Bussen will Veltroni bis zum Wahltag alle 110 italienischen Provinzen besuchen. Mit Morgengymnastik und Diät hält er sich für die 12 000 Kilometer lange Strapaze fit. Seinen Wahlkampfleitern trug er auf, Versammlungen auf eindrucksvollen Plätzen und vor gewaltigen Baudenkmälern zu organisieren. Der Kinofan und Filmkritiker Veltroni setzt auf die Magie schöner Bilder. Silvio Berlusconi präsentiert sich in seiner Medienschlacht vor kostbaren chinesischen Vasen. Er wirkt alt und müde.

Mehr zum Thema: www.nzz.ch/nachrichten/medien/italiens_nuechterner_visionaer_1.681787.html

Kommentare (1)

Foto: Hagen Frey
von Hagen Frey | 02.04.2008 | 16:33 Uhr

Einen guten Einblick in die politische Situation Italiens gibt ein Interview des NDR mit Venedigs Bürgermeister Massimo Cacciari. Siehe:
http://www.ndrkultur.de/progra … iari2.html

Podcast zum Herunterladen:
http://213.200.64.229/ndr/mp3/ … praech.mp3