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Lesestoff und Augenfutter

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von Hagen Frey

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Der Name ist Programm

Foto: Hagen Frey
von Hagen Frey | 02.03.2008 | 22:01 Uhr

Mit Herz und Verstand

Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Warum eigentlich? Es gibt doch auch Artikel, die die Woche überstehen. Dann werden sie Lesestoff. Folgender ist vermutlich kein echter Lesestoff:

"Rote Socken, kalte Füße" von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung, Samstag, 23.02.2008, Seite 2

Prantl legt den Finger in die Wunde der Bundes-SPD, indem er die fast zwanzigjährige Geschichte der Schaukelstuhl-Politik beschreibt:

Moderne Ausführungen des Schaukelstuhls ruhen auf federnden Metallröhren, die nur geringe Schaukeleien erlauben. Dieses Modell liegt seit langer Zeit der SPD-Politik gegenüber der PDS, der heutigen Linkspartei, zugrunde. Es ist eine auf der Stelle hopsende Politik, die eine Strategie nicht erkennen lässt.

Prantl ruft die Geschichte in Erinnerung. Sie fing 1989 mit dem Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer (damals SED) an, den Hans-Jochen Vogel nicht in der SPD wollte. Davon habe ich auch bei Glotz gelesen (1). Die Geschichte geht weiter mit Höppner 1994, Scharping und die "Rote-Socken-Kampagne" der CDU, Höppner 1998-2002 und endet bei den rot-roten Koalitionen von Ringstorff und Wowereit.

Prantl resümiert: Nun muss Kurt Beck entscheiden, ob er den Schwerin-Berliner-Weg auch im Westen einweiht und vorsichtig betritt. Ein Teil seiner Partei hält diesen Weg im Westen für eine Sackgasse.

Ich denke mir, Kurt Beck muss da eine Entscheidung treffen, die er gar nicht so treffen kann. Fast zwanzig Jahre haben die Parteivorsitzenden gekniffen und jetzt wird ihm der Mut, die Sache endlich anzupacken, als Verrat und sonstnochwas vorgeworfen. Da lob ich mir meinen Fraktionsvorsitzenden, der im Interview mit Regine Zylka von der Berliner Zeitung am 28.02.2008 unter dem Titel "Von Fall zu Fall entscheiden" den Genossen im Westen rät: "Ganz nüchtern zu bleiben und das nicht zu einer Grundsatzfrage hochzustilisieren."

Locker sieht die Dinge erwartungsgemäß auch Harald Schmidt in seinem Zeit-Interview »Ich will mehr Skandale« mit Tina Hildebrandt und Bernd Ulrich. Dieser Lesestoff sollte Pflichtlektüre für jeden Kriegsdienstverweigerer, echten Linken, Salonkommunisten, Existenzialisten, aber auch für Pfälzer Kneipenwirte, Düsseldorfer Hartz-IV-Empfänger und Uckermärker Politiker, also für alle deutschen Michael und Elisabeth Müllers sein.

Kommen wir in die Niederungen der Provinz. Dass der Weg auch im Osten noch über eine einfache Zusammenarbeit mit den Linken hinausgehen kann, zeigt Thüringen. Ein Anhänger des "Weisen aus dem Morgenland" Richard Dewes, der Erfurter Kreischef Holger Poppenhäger meint zur Diskussion um rot-rote Bündnisse in Deutschland: "Wir waren einfach nur unserer Zeit etwas voraus" ("Großreinemachen" von Falk Heunemann, Thüringer Allgemeine (TA), 25.02.2008). Wir können nicht nur Schaukelstuhlschaukeln, einige von uns können auch Überfliegen.

Prantl zitiert gern das Grundgesetz, z.B. Artikel 14, Absatz 2. Jeder sollte dort öfter lesen. Artikel 14(2) gilt auch für immaterielle Werte wie Verstand und soziale Kompetenz. Nicht jeder ist im gleichen Verhältnis damit ausgestattet. Das schließt aber trotzdem die Pflicht ein, dass die einen respektvoll mit den anderen umgehen - und umgekehrt. Dem so genannten "Matschie-Block" wird ja Verstand mit weniger Herz zugesprochen, den Dewesianern mehr Herz. Eine Beobachtung, die ich so nicht teile. Trotzdem sollte auch für diese beiden Lager meine Interpretation des Grundgesetzes gelten.

Gysi attackiert Thüringer SPD: „Matschie unwählbar“ und versucht, der SPD Thüringen in Sachen Politik und Demokratie Nachhilfe zu geben. Hat es die SPD Thüringen nötig, neuerdings auf Herrn Gysi zu hören? Noch lauter jault und winselt der Ministerpräsidentenkandidat der Partei, die sich die "Die Linke" nennt, auf. Aber auch die andere Seite kläfft. Das Generalsekret der CDU-Thüringen Mike (m i k e - in kurzen, deutschen Vokalen) wird in der Thüringische Landeszeitung vom letzten Montag erwähnt: Weiteres Chaos in der SPD erwartet CDU-General Mike Mohring.

Es war schon immer so: Getroffene Hunde bellen. Rein hypothetisch die Frage für Anhänger absurder Spekulationen: wie hätten die drei sich doch gefreut, wenn der Richard Kandidat ... - mir wird übel...

Die Lokalpresse ist derzeitig etwas traurig, dass ihr politisches Lieblingsspielzeug SPD in Thüringen so langsam wieder zur Sacharbeit übergeht. Ein paar ganz Schlaue sind da schnell mal der Meinung, etwas Salz in die Wunden der Verletzten zu streuen. Da wird schnell in der TA aus einer Mutmaßung eine Tatsache gemacht ("Pidde an eigener SPD gescheitert", TA 28.02.2008, S.3). Ein namenloser Redakteur hat entweder die Scheuklappen nicht abgelegt oder war so im intellektuellen Höhenflug, dass er jegliche Bodenhaftung verloren hat. Theoretisch ein klassischer Fall für den Presserat, in der Praxis würde eine Beschwerde aber die Balance zwischen kritischem Journalismus und Hofberichterstattung ins Ungleichgewicht bringen.

Andere Kommentatoren sehen Messer und Blut und Tränen, mischen locker Kreis- und Landesebene, nur um die zerschundene SPD Thüringen weiter am Boden zu sehen. Und unter der Überschrift "Kalb und Metzger" schreibt meine Hauszeitung scheinheilig: "Das freut - außer den parteiinternen Widersachern - keinen im Land." Danke Gerlinde Sommer, es wäre toll, wenn die SPD in Thüringen nur die Hälfte Anteilnahme hätte. Ramelow würde gar nicht auf die Idee kommen, nach Erfurt zu wollen. Danke Richard, für den ganzen Mist, den Du mit Deiner unsinnigen Kandidatur angerichtet hast, die Überschrift von Gerlinde Sommer ist wohl für Deine Pressespritzerin bestimmt gewesen.

Hagen Frey
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(1) Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzgängers. Econ, Berlin 2005, ISBN 3-430-13258-4,
dummerweise habe ich mein Exemplar gerade verliehen.

Kommentare (2)

Foto: Hans-Dieter Karg
von Hans-Dieter Karg | 03.03.2008 | 10:39 Uhr

Der Beitrag ist ein hervorragendes Beispiel für die Pressefreiheit. Und wenn den Redakteuren nichts einfällt, gehen sie ins Archiv und graben alte Kamellen aus und frische sie etwas auf und schon gibt es eine neue Meldung.
Aber warum sollte der Presse etwas neues im Umgang mit den Linken einfallen??

Vor ca. 130 Jahren wurde das Sozialistengesetz erlassen. An dieser Grundstimmung hat sich bis heute nicht viel geändert. Manche Reden und Artikel von heute könnten auch über 100 Jahre alt sein!

Gerade des wegen, muss die SPD ihren Weg gehen und nach Partnern suchen, mit denen eine soziale Politik gemacht werden kann.

Foto: Hagen Frey
von Hagen Frey | 09.03.2008 | 22:53 Uhr

zu Hans-Dieter

Wir sollten es uns nicht zu einfach machen und jeden Zeitungsartikel, der uns nicht passt, einfach zurückweisen. Kritik ist wichtig und der Umgang damit muss gelernt werden. Ich will keinesfalls ein Plädoyer für die Boulevardpresse einbringen, eine kritische Presse aber ist ein wichtiges Bindeglied unserer demokratischen Gesellschaft. Zu Recht hat sie die grundgesetzlich verbriefte Pressefreiheit.  

Wir als Leser haben die Pflicht, das in der Zeitung geschrieben kritisch zu hinterfragen. Nicht alles, was in der Zeitung steht, ist richtig. Wir sollten uns aber hüten, den Redakteuren pauschal etwas vorzuwerfen. Auch Zeitungsartikel werden nur von Menschen geschrieben, die versuchen, ihren Job zu machen, wie wir alle auch. Gerade bei innerparteilichen Konflikten und Problemen ist eine Außenansicht manchmal sehr hilfreich. Wenn die Partei aber den Eindruck macht, sie würde sich nur mit sich selbst beschäftigen, über was sonst sollen denn die Journalisten berichten?

Die Presse ist ein wichtiger Partner für unser Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Gerade die Lokalredaktionen vor Ort sind ein wichtiger Multiplikator für die Arbeit der Ortsvereine. Eine fairer und kritische Zusammenarbeit ist angebrachte, dafür müssen aber beide Seiten etwas tun. Ohne unserer eigenen Willen zur Zusammenarbeit funktioniert aber überhaupt nichts.